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Tief im Wahlsumpf

20.09.2010 | 3 Kommentare

Eines vorweg: ich freu’ mich über Post von Euch, sehr sogar. Aber hm, wie sag ich’s denn am besten… vielleicht könnten wir in der Diskussion sachlich bleiben, okay? Zumindest halbwegs. Vergangene Woche gab’s ein paar untergriffige Emails. Wegen Barbara Kappel. Ich hatte die FP-Politikerin eine kompetente Frau genannt – und prompt hieß es, ich sei eine „FP-Braut“, eine „blaue Schreiberin“ und überhaupt „leicht ang’haut.“ Okay, bitte, aber ich bleibe dabei: Kappel versteht, im Gegensatz zu vielen ihrer Amtskollegen, etwas von Wirtschaft. Sie hat BWL und VWL studiert und auch promoviert. „Das heißt no goar nix“, hat einer gemeint. Gut, wenn’st meinst, aber Josef Pröll kann das jedenfalls nicht von sich sagen. Er hat Agrarökonomie studiert und ist heute dennoch Finanzminister (!!). Dass Kappel bei der falschen Partei ist, stimmt, keine Frage. Da geb’ ich Euch Recht. Die FPÖ ist nicht wählbar. Weil dort Nazis rumlungern. Und weil die Blauen kein glaubwürdiges politisches Konzept bieten. Robert Palfrader hat es in „Wir sind Kaiser“ auf den Punkt gebracht: „Immer ist er (gemeint ist FP-Chef Strache) nur dagegen, nie für etwas.“ Bei Gesprächen mit FP-Politikern, die ich berufsbedingt nun einmal führen muss, ist mir aufgefallen, wie sehr das zutrifft. Es fehlt an Substanz. Aber sind die anderen besser?

Ein Freund von mir, Martin, sagte mal: „Wenn man als junger Mensch nicht links ist, hat man kein Herz. Wenn man im Alter noch immer links ist, hat man kein Hirn.“ Leider muss ich ihm heute Recht geben. Als junger Mensch glaubt man noch daran, die Welt verändern zu können. Man hat Ideale, Werte und glaubt an andere, die sich für ebendiese einsetzen. Mit den Jahren kommt die Ernüchterung und damit der Schmerz. Als ich auf die Uni ging, habe ich Alexander Van der Bellen gewählt – mit Begeisterung. Was für ein Mann… ruhig, intelligent, gebildet, einer, dem man glaubt. Heute sind die Grünen ein zerstrittener Haufen, und für mich nicht glaubwürdig. Vor dem Wahlkampf ist das kleinbürgerliche Hick-Hack zwischen den Parteien unerträglich, ebenso wie die neurotische Profilierungssucht einiger Politiker und ihre vielen leeren Versprechungen.

Und diese Scheinheiligkeit? Eine Schande. Was ÖVP und SPÖ im Machtpoker um staatsnahe Unternehmen zu verantworten haben, ist traurig. Die ÖBB zeigen wohl am besten, wie ein Unternehmen durch politische Interventionen an die Wand gefahren werden kann. Und der Wiener Flughafen? Schwachsinnige Handlanger von Rot und Schwarz haben dort das Milliardengrab Skylink zu verantworten. Und dann fragt ihr, wen ich am 10. Oktober wähle? Ich weiß es nicht. Noch stecke ich tief im Wahlsumpf… vorhin musste ich an eine kürzliche Begegnung mit Peko Baxant denken, im Wiener Volksgarten. Peko ist SP-Gemeinderat und Landtagsabgeordneter in Wien und kümmert sich um die Akquisition von Jungwählern. Spricht man mit ihm hat man das Gefühl, es gebe sie noch, jene Werte, an die wir in jungen Jahren alle mal glaubten. Ich rufe ihn jetzt an und bitte ihn um ein kurzes Interview.

Peko sagt gleich „okay“ und will seine Zitate vor Veröffentlichung nicht mal sehen.

Ich: Peko, warum bist Du bei den Roten?

Peko: Im Jahr 2000 bin ich wegen der schwarz-blauen Regierung in die Politik gewechselt. Ich war schockiert darüber, dass es so weit hatte kommen können. Ich wollte etwas dagegen tun, das nicht tatenlos hinnehmen. Ich war ja auch schon davor bei Greenpeace und Attac. Es ist wichtig, einen Beitrag für die Gerechtigkeit zu leisten. Deshalb bin ich bei der SPÖ. Die Partei steht für meine eigenen Werte: Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit, Solidarität.

Ich: Die rote und schwarze Freunderlwirtschaft hat vielen Unternehmen wie den ÖBB enorm geschadet… Wo sind diese Werte geblieben?

Peko: Ich sage nicht, dass alles perfekt ist, auch uns passieren Fehler, keine Frage. Aber im Gegensatz zu der FPÖ haben wir diese Fehler nie bewusst begangen. Ich kenne Michael Häupl und weiß, was für ein Mensch er ist. Bevor er sich überlegt, mit welchen Mitteln er gegen Naziströmungen ankämpfen kann, setzt er sich hin, und ist, so merkwürdig das auch klingen mag, zunächst einmal tief traurig darüber, dass es Faschismus überhaupt noch gibt. Er sorgt sich um die Menschen und hat ein großes Herz.

Ich: Andere Politiker nicht?

Peko: Ich bin entsetzt darüber, dass sogar Grünen-Politikerin Maria Vassilakou einen Pakt mit Strache eingegangen ist. Nach den Wahlen will sie sich mit ihm zusammentun, um Michael Häupl bekämpfen. Hier geht es nicht um Macht und Einfluss, hier geht es um Menschlichkeit. Es ist schrecklich mitanzusehen, mit wie viel Hass und Grausamkeit die Blauen diesen Wahlkampf bestreiten. Michael Häupl ist das einzige Bollwerk gegen Faschismus.

Ich: Nenne mir fünf Politiker, die Du schätzt, außer Häupl..

Peko: Häupl gehört dazu, aber nicht, weil er Parteichef ist. Er ist ein großartiger Mensch, sehr gebildet und kann aus der Bibel genauso zitieren wie aus dem Koran. Auch Mutter Teresa ist für mich eine Botschafterin der Liebe und der Menschlichkeit. Nelson Mandela, Václav Havel und Barack Obama sind ebenfalls bemerkenswerte Menschen.

Ich: Nenne einen Grund, die SPÖ zu wählen.

Peko: Um gegen die Brutalität, die Grausamkeit und den Hass der FPÖ vorzugehen.

Spiegelt nicht die Meinung der Redaktion wider.

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3 Kommentare

  1. Maria

    Liebe Silvia!

    danke, dass Du hier versuchst sachlich zu bleiben. Wenn ein Herr Peko auf eine Frage - Warum soll man Spoe wählen? - diese Antwort gibt, zeigt dies, warum es mit der SPÖ so nach unten geht. <<<<<<Macht erhalten um jeden Preis.

  2. Christoph

    @Silvia: An diesem Beispiel siehst du mal recht gut, wie es um die Meinungsfereiheit und das demokratische Verständnis in unserem Land bestellt ist. Obwohl jeder, der nur eine handvoll deiner Beiträge gelesen hat, wissen müsste, dass du KEINE FPÖ-Sympathisantin bist, musst du dir gleich persönliche Angriffe gefallen lassen - nur weil du es GEWAGT hast, auch nur den Hauch von etwas Positivem an einer FPÖ-Politikerin zu finden!
    Ich bin FPÖ-Wähler und beobachte diese Erscheinungen mit wachsender Sorge. Denn egal, welche politische Gesinnung jemand hat - es sollte IMMER möglich sein, sachlich miteinander zu diskutieren, ja vielleicht auch über das ein oder andere Thema zu streiten. Doch das kann man mit der Linken in diesem Land immer und immer weniger.
    Ich halte das für eine sehr traurige, ja eigentlich besorgniserregende Entwicklung.

  3. Christoph

    Fazit dieses Interviews ist eigentlich, dass auch Baxant nur GEGEN etwas ist, und nicht FÜR etwas…
    Und der Grund, warum man die SPÖ wählen sollte, ist ehrlichgesagt eine Schande aus dem Mund eines SPÖ-Politikers. Wenn ihm da nichts Besseres einfällt, müsste man ihn eigentlich sofort aus der SPÖ entlassen! Der FPÖ mangelnde Inhalte vorwerfen und dann so eine Aussage….naja

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