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Der Turbokapitalismus lebt!

27.09.2010 | Keine Kommentare

Bitte lasst uns diese Woche nicht über die Wahlen sinnieren – auch wenn die Steirer vergangenen Sonntag gewählt haben und wir Wiener übernächsten dran sind. Das Thema kommt ohnehin noch. Heute möchte ich etwas über uns alle schreiben, schlichtweg darüber, wie wir sind.

In der Vorwoche moderierte ich ein Streitgespräch zwischen Mirko Kovats und Christian Felber. Kovats ist Boss des Milliardenkonzerns A-Tec und bezeichnet sich selbst als Turbokapitalist. Felber gilt hingegen als „Gutmensch“ und ist Mitbegründer von Attac. Das Gespräch mit den beiden werde ich so schnell nicht vergessen. Irgendwie war ich fehl am Platz, gebraucht hätten mich die Herren im Grunde nicht. Schon nach der ersten Frage entwickelte die Sache eine seltsame Eigendynamik. Ein Wunder, dass sie mich zwischendurch überhaupt zu Wort kommen ließen. Denn die Fragen stellten sie einander am liebsten selbst. “Wie weltfremd sind Sie denn?”, fragte Kovats zum Beispiel Felber – und eröffnete damit eine feurige Diskussion. Natürlich ging’s ums Geld. Klar, worum auch sonst.

Kovats meint, um es verkürzt zu sagen, dass der Mensch nun mal gierig sei und es ihm immer nur darum gehe, möglichst schnell möglichst viel zu bekommen. Viel Geld, viel Macht, viel Ansehen. Felber betont indessen, dass der Mensch sehr wohl Lastern wie Egoismus, Geiz und Gier abschwören könne. Der erst 37-Jährige stützt sich dabei auf Umfragen, wonach der Großteil der Menschen nach der Finanzkrise ein neues Wirtschaftssystem wolle, eines, das für eine gerechte Umverteilung stehe und den Abstand zwischen Reich und Arm vermindere. Ein wunderbarer Gedanke, keine Frage. Es wäre schön, wenn US-Hedge-Fonds-Manager auf einen Teil ihrer Millionen-Boni verzichten würden, wenn internationale Konzerne einen Teil ihrer Milliardengewinne für wohltätige Zwecke spenden und Unternehmer ihren privaten Besitz überschaubar hielten. Dass die Masse das will, wie Felber sagt, glaube ich ihm sogar. Ich will ja auch, dass die Menschen Gutes tun und sich für andere einsetzen. In der Praxis sieht die Sache aber anders aus. Felber sagt, dass die Obergrenze für Privatbesitz bei zehn Millionen Euro liegen sollte. Doch, mal ehrlich, wenn ihr zwanzig Millionen habt, gebt ihr die Hälfte davon ab? Vielleicht ein oder zwei Millionen, aber gleich die Hälfte? Und wenn ihr an der Macht seid, könnt ihr garantieren, stets im Sinne des Gemeinwohls zu handeln? Also, ich für meinen Teil (leider) nicht.

Kovats und Felber haben über ihre Thesen übrigens Bücher geschrieben. Das von Kovats heißt: “Die Sowjets hatten Recht. 62 Thesen eines Querdenkers” (edition a), das von Felber: “Die Gemeinwohl-Ökonomie. Das Wirtschaftsmodell der Zukunft” (Deuticke). Beide sind empfehlenswert, obgleich sie unterschiedlicher nicht sein könnten.

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