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Todessehnsucht

04.04.2011 | Keine Kommentare

Das hier soll kein Nachruf werden. Ich kannte Claudia Heill nicht, habe sie nie gesehen und ihre sportlichen Erfolge kann ich ebenso wenig beurteilen wie ihre Kontakte zu Freunden und Bekannten. Ich weiß nur eines: der Selbstmord der ehemaligen Judoka, die für unser Land Olympia-Zweite von Athen 2004 wurde, kam überraschend und erschütterte die österreichische Sportwelt ­ und mich, obwohl ich das hübsche Gesicht der 29-Jährigen nur aus dem Fernsehen kannte.

Niemand weiß, warum sich Heill umgebracht hat. Niemand. Ihr Tod gibt ein großes Rätsel auf. Sie war glücklich ­ auch nach dem Ende ihrer Sportlerkarriere, sagen Freunde und Familie. Sie sei als Trainerin zufrieden und fröhlich gewesen, voller Energie und für jeden Spaß zu haben. Und dann das. Dann wirft sich die 29-Jährige aus dem sechsten Stock ihres Wohnhauses.
Alles aus und vorbei. Aber warum? War sie unglücklich verliebt? War sie über das Ende ihrer Sportlerkarriere betrübter als sie glaubte? War sie einsam?
Warum nur liebte sich diese junge Frau nicht? Oder war es ein Blackout, eine Sekunde, in der man die Kontrolle über sich selbst verliert, ein kurzer Augenblick, in dem man innerlich Amok läuft? Ich weiß es nicht, niemand weiß es.

Eines wird durch den Freitod Heills aber klar: es kann jederzeit vorbei sein. Mit Euch. Mit mir. Mit jedem. Eine schwere Krankheit. Ein rasendes Auto. Ein Unfall beim Skifahren. Ein Verrückter, der mit einer Waffe durch die Gegend ballert. All das könnte uns in den Tod reißen und unser Leben abrupt beenden. Oder ein Ereignis, das uns innerlich auffrisst und uns glauben lässt, es dürfe kein Morgen mehr geben. Etwas so Schreckliches, das die Todessehnsucht weckt.

Doch das Leben ist kostbar, auch, wenn es manchmal nicht danach aussieht.
Heill sah darin nichts Kostbares mehr, nichts Schönes. Schade, die junge Frau hätte noch viele Menschen ­ und auch sich selbst ­ glücklich machen können.

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