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Leben ohne Toleranz. Gedanken zum neuen Türken-Buch „Wir kommen.“

09.04.2012 | Keine Kommentare

Also ich weiß nicht recht. Toleranz ist wichtig. Nur sind die, die Toleranz verlangen, selbst oft alles andere als tolerant. Vor exakt zehn Jahren war ich mit einem Juden zusammen. Ein großartiger junger Mann, klug, witzig, gut aussehend. Alles, worauf Frauen Anfang Zwanzig (und im Grunde auch danach) so stehen. Wir hatten eine tolle Zeit. Sonderlich gläubig waren wir damals beide nicht, also eigentlich schon, aber eben nicht im herkömmlichen Sinn. Wir beteten nicht ständig zu Gott oder gingen in die Kirche bzw. Synagoge. Das Problem waren seine Eltern. Sie mochten mich nicht. Weil ich nicht „eine von ihnen“ war. Die Situation eskalierte und es endete im Streit. Heute bin ich froh darüber. Es fühlt sich nicht gut an, von der Familie des Partners zurückgewiesen zu werden. Im Grunde sollte es aber keine Rolle spielen.

Warum erzähle ich Euch das? Nun, diese verflossene Liebe kam mir wieder in den Sinn, als ich auf das neue Buch „Wir kommen“ (erschienen in der edition a) gestoßen bin. Geschrieben hat es ein junger Türke. Der Inhalt ist brisant. Er schreibt darin:
„Egal, ob ihr uns mögt oder nicht, ob ihr uns integriert oder nicht, ob ihr uns in der EU haben wollt oder nicht: Unser Einfluss in Europa wird steigen. Denn wir sind jünger, hungriger und stärker als ihr.“
Ich habe Verständnis für den Zorn, der aus ihm spricht. Türken sind immer wieder – in Österreich genauso wie in Deutschland – Zielscheibe ausländerfeindlicher Übergriffe. Dass es den Türken reicht, ist verständlich. Allerdings ist ein EU-Beitritt nur sinnvoll, wenn klar ist, dass es hier um kein Besser oder Schlechter geht, um keinen Kampf einzelner Gruppen, sondern um Respekt – und um Toleranz. Doch wo bleibt diese Toleranz? Türken sind offenbar genauso wenig tolerant wie wir. Das Problem besteht auf beiden Seiten.
Meine letzte Reise in die Türkei war ernüchternd. Als westliche Frau, noch dazu blond, ohne Mann reisend, sollte frau das Hotel lieber nicht verlassen. Wir sind Freiwild, werden kaum ernst genommen. Jeden Tag mindestens drei, vier doofe Sprüche notgeiler Männer. Und dann das Gerede von Toleranz und Offenheit? Und auf der anderen Seite wir hier, wir toleranten Österreicher, die wir uns anmaßen, muslimischen Frauen zu sagen, das Kopftuch in „unseren“ Schulen abzulegen.
Das Buch „Wir kommen“ ist empfehlenswert. Weil es zeigt, wie es wirklich ist. Weil es zeigt, dass die, die von Toleranz reden, nicht wissen, was dieses Wort bedeutet. Und weil es zeigt, was passiert, wenn wir nicht tolerant sind. Denn dann wird es genau so sein wie dieser junge Türke schreibt:
„Egal, ob ihr uns mögt oder nicht, ob ihr uns integriert oder nicht, ob ihr uns in der EU haben wollt oder nicht, unser Einfluss in Europa wird steigen. Denn wir sind jünger, hungriger und stärker als ihr.“
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